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| Megachirella wachtleri
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Die Fundgeschichte
Megachirella wachtleri, der Urahn von Schlangen und Eidechsen
„Megachirella wachtleri.“ Hinter diesem Namen verbirgt sich der
Tod und die Wiederauferstehung eines kleinen Tieres. Vor mehr als
240 Millionen muss ein kleines, bizarres Tier auf einer jener
tropischen Inseln, die hier zu jener Zeit aus dem Meer herausragten,
von Baum zu Baum gesprungen sein.
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Es war nicht Schlange, nicht Eidechse und nicht Leguan, aber trug von
allen etwas in sich. Es lebte in einer Epoche
gewaltiger Veränderungen, nur wenig nach der größten Katastrophe, welche
sich je auf dieser Welt zutrug, und ungefähr 95 % aller Lebewesen
ausrottete. Die meisten der Tiere, die heute diese Erde bevölkern, gab
es noch nicht oder sie standen erst am Anfang ihrer Entwicklung. So die
Dinosaurier, die Säugetiere, aber auch die Schlangen und Eidechsen. Ein
leer gefegter Planet bot reichlich Platz für die wenigen Tiere, die
diese Perm-Trias-Katastrophe überlebt hatten. Doch erstaunlicherweise
trugen diese Stresssituationen, die erst allmähliche Anpassung der
Sauerstoffwerte, die Beruhigung des Klimas und vieler anderer Faktoren
dazu dabei, dass überall in der Tier- wie auch in der Pflanzenwelt zu
dieser Zeit seltsame und explosionsartige Veränderungen und Mutationen
an der Tagesordnung standen.
Im Sommer 1999 wanderte ich wieder einmal in Richtung Kühwiesenkopf. Oft
und oft fragte ich mich, was mich überhaupt in diese Gegend hinzog. Gut,
hier oben begann die Wildnis, in der ich höchst selten Menschen sah. Es
war eigenartig: Hier konnte ich Freundschaft mit den Tieren, aber auch
mit den Steinen und Pflanzen schließen. Im Laufe der Jahre hatte ich
gelernt immer mehr die Sprache der Felsen zu verstehen. Vielleicht waren
mir gerade deswegen einige bedeutsame Entdeckungen gelungen: Neue
Pflanzen, Fische und Muscheln. Wieder schlug ich mit dem Eisenschlägel
auf den harten Felsen, zog Platten hervor, spaltete sie und schaute mit
Bedacht auf alles, das irgendwie merkwürdig sein konnte.
Dann geschah Eigenartiges. Eine Platte spaltete sich. Ganz nah führte
ich mein Auge auf eine Seltsamkeit. Unscheinbar hoben sich einige wenige
Rippen ab. Einen Augenblick zweifelte ich. Drinnen steckte wohl wieder
einer jener Fische, die ich fort zu entdeckt hatte. Ich sinnierte lange
hin und her. Sollte ich diese Felsplatte - dann wohl für immer verloren
- in den Abraum werfen, oder trotzdem in jene Liste einreihen, welche
ich vielleicht einmal herunterschleppen wollte. Ich warf die Steinplatte
mit Missmut zu jenen, die ich einmal heim zu tragen gedachte, wenn nicht
irgendeine Steinlawine sie schon vorher allein viele hunderte Meter weit
hinunter beförderte.
„Ist es denn Menschenmöglich, dass die Natur ihre Geheimnisse unter
solch umständlichen Schwierigkeiten preisgibt“, dachte ich mir
insgeheim. Warum konnte sich nicht eine Steinplatte öffnen, und das
wundervolle Abbild eines Sauriers zutage treten, das uns weiterhelfen
konnte, Lösungen darauf zu finden, wie sich das Leben entwickelt hatte?
Ich ließ die Steinplatte oben liegen und vergaß sie.
Es verging eine Woche, eine weitere, eine dritte. Mich zog es derweil zu
anderen Ufern. Dann endlich beschloss ich wieder zum Kühwiesenkopf
hinauf zu gehen. Wohl das letzte Mal für heuer. Es war bitterkalt,
teilweise war der Boden gefroren und ich musste höllisch aufpassen,
nicht in die Tiefe zu stürzen. Wieder arbeitete ich mich in den Felsen
hinein. Bis es Mittag wurde. Dann setzte ich mich hin und zog mein
dürftiges Jausebrot heraus. Plötzlich fiel mein Auge auf eine
Steinplatte. Ich staunte, dass es sie überhaupt noch gab. Ich nahm sie
in die Hand. Es waren jene unansehnlichen versteinerten Rippen. Also
gut, sollten sie heute an die Reihe kommen mit nach Hause getragen zu
werden. Doch wie ich sie mit sprödem Zeitungspapier umwickeln wollte,
entglitt sie mir und kollerte langsam in die Tiefe. Ich versuchte noch
nach ihr zu greifen, doch gelang es mir nicht. Dies alles bekümmerte
mich kaum. Auch zu Hause wäre sie sowieso irgendwo im Schutt gelandet.
Wenn das Schicksal es nicht wollte, dann durfte das wohl seine
Richtigkeit gehabt haben.
Dann begann ich weiter zu arbeiten, doch früh bricht in diesen
Herbsttagen die Nacht herein. Ich rüstete zum Aufbruch. Bald schon würde
sich eine dicke Schneeschicht darüber legen und die Lawinen wieder alles
zuglätten, wie sie es jedes Jahr taten. Im Winter gehörte diese Wildnis
allein sich selbst. Doch wie ich langsam abstieg, darauf bedacht, nicht
auszurutschen, sah ich sie auf einem Felskopf, so als ringe sie um
Gleichgewicht, die eigenartige Felsplatte. Ich nahm sie mit, nun
endgültig.
In letzter Zeit war ich viel mit Wissenschaftlern und Forschern in
Kontakt gewesen. Einer studierte die Muscheln, ein anderer die
Schichten, ein dritter die Fische. Und so weiter. Es ist immer ein
Gemeinschaftswerk. Auch Frauen waren darunter. Sie haben eine ganz
andere Sichtweise und bereichern damit die Wissenschaft. Professor
Andrea Tintori aus Mailand ist Spezialist für Fische aus der Triaszeit.
Ich hatte ihn schon vorbereitet, dass ich wieder eine neue Fischarten
gefunden hatte, und darunter auch eine Felsplatte, die er auch gleich
wieder entsorgen konnte. Er nahm das Paket in Empfang. Dann
verabschiedete ich mich wieder. Es dauerte nicht lange, da kam ein
überraschender Telefonanruf. Diesmal von Professor Silvio Renesto, einem
der italienweit führenden Saurierforscher. Man hatte die Knochen und
freien Rippen dieser unansehnlichen Platte frei präpariert und zum
Erstaunen aller seien die Abdrücke eines eigenartigen Landtieres zum
Vorschein gekommen. Versteinerte Reste von Landtieren lassen sich in
Europa an der Hand abzählen. Sehr selten treffen jene Bedingungen
zusammen, die es überhaupt ermöglichen, dass sich die Reste von Tieren
an Land über die Jahrmillionen erhalten.
„Ein Saurier ist es, ein weltweit wichtiger sogar, ein Bindeglied und
Urahn von Schlangen, Eidechsen und Leguanen“ teilte mir Professor
Renesto mit. „Der Kopf ist gut erhalten, auch die Vorderfüße, aber
leider fehlt der ganze Rückteil.“ War das die Möglichkeit! Mochte ich
zwar weiter gekommen sein, als viele andere, ich hatte trotzdem versagt.
Hätte ich nur ein wenig mehr diese Felsen zu deuten gewusst, dann hätte
ich nicht das Rückteil dieses Tieres achtlos hinuntergeworfen! So nah
war ich am Ziel gewesen, und doch hatte ich mit meinem Geist diese
Felsen nicht durchdrungen.“
Ich las die Erörterungen der Wissenschaftler weiter und versuchte sie
sogleich in einfache Worte zu fassen: „Bei diesem Saurier vom
Kühwiesenkopf handelt es sich auch weltweit um eine extrem wichtige
Entdeckung. Dieses Reptil besitzt sowohl Eigenschaften der letzten
Brückenechsen in Neuseeland, wie auch der Schlangen, Eidechsen und
Leguane. Er ist der Ahnherr der Schlangen und Eidechsen.” Ein
lächerliches kleines Tier zog vor Jahrmillionen aus, um die Welt zu
erobern. Diesem war es nicht vergönnt seinen Lebenszyklus zu vollenden.
Eine riesige Welle, ein Sturm, tötete es. Wohl aber entwickelten sich
seine Nachfahren weiter. Sie wurden zu Schlangen, zu Eidechsen, zu
Leguanen. Und beherrschen die Erde auch heute noch.
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